MOUTON Zeitschrift für Angewandte Linguistik 2018; 69: 138–142 Rezension Hausendorf, Heiko, Wolfgang Kesselheim, Heiko Kato & Martina Breitholz. 2017. Textkommunikation. Ein textlinguistischer Neuansatz zur Theorie und Empirie der Kommunikation mit und durch Schrift (Germanistische Linguistik 308). Berlin/ Boston: Walter de Gruyter. 414 S., ISBN: 978-3-11-055743–5, € 109,95. Besprochen von Friedrich Markewitz, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Lehrbeauftragter der Universität Paderborn, E-mail: fritzmarkewitz@gmx.de https://doi.org/10.1515/zfal-2018-0012 In ihrem Aufsatz zur Zukunft der Text(sorten)linguistik reflektiert Kirsten Adamzik Probleme der Disziplin und weist u. a. auf zwei Missstände hin: a) Den Hang zur Verwendung gleicher Kategoriensets. Dahingehend solle man sich „vom selbst auferlegten Zwang zur Arbeit mit verbindlichen Kategorien“ (Adamzik 2007: 18) befreien und in Abstimmung mit dem Gegenstand die produktivsten Analysekategorien verwenden. b) Die Wahl untersuchter Textsorten (vgl.: Adamzik 2007: 21). Ihre Kritik richtet sich auf „hoch standardisierte Kleinformen wie Lebenslauf, Todesanzeige, Kochrezept oder [...] Brief(bestandteile)“ (Adamzik 2007: 21–22). Man solle sich stattdessen auf den „Bereich anspruchsvollerer und längerer Texte [konzentrieren]“ (Adamzik 2007: 22). In dieser Hinsicht erscheint das 2017 erschienene Buch Hausendorf/Kesselheim/Kato/Breitholzs als Gegenentwurf. Ziel der AutorInnen ist es, über die Implementierung des Konzeptes 'Lesbarkeit' ein neues Set an Textualitätskriterien zu schaffen (vgl.: S. VIII). Darüber hinaus bedienen sie sich im empirischen Teil hoch standardisierter Kleintextformen wie dem Flyer (vgl.: S. 142 ff.), Tweets (vgl.: S. 170 ff.) oder der Fahrkarte (vgl.: S. 244 ff.). Adamzik verweist aber auch auf die „theoretisch-methodisch unbefriedigenden empirischen Studien“ (Adamzik 2007: 15) und auf diesen Aspekt rekurrieren auch die AutorInnen (vgl.: S. 3). Aus dieser Situation fehlender theoretischer wie methodischer Einheitlichkeit ist das Buch als Neuansatz der Beschreibung von Textsortenwelt und den darin verorteten Textsorten zu verstehen. Bezüglich ersterem findet eine mehrfache Begrenzung statt: Eine deutliche Absage wird einem kognitionswissenschaftlichen Zugang erteilt (vgl.: S. 12). Orientierungspunkt ist Kommunikation „im Sinne eines genuin sozialen Prozesses“ (S. 8, Hervorhebung im Original). Weiterhin wird Kommunikation auf schriftsprachliche eingeschränkt (vgl.: S. 8). Das bedeutet, dass Kommunikation als Textkommunikation verstanden wird. Dabei wird der Kommunikations-Begriff mit Rekurs auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns konstituiert (vgl.: S. 371 f.). Luhmann wird auch dahingehend gefolgt, dass           MOUTON Rezension 139 schriftsprachliche Kommunikation durch Lesen konstituiert wird (vgl.: S. 47 f.). Da in der textuellen Kommunikation nicht mehr Anwesenheit konstitutiv ist, wird Lesen bzw. Lesbarkeit zum Fixpunkt des Theorieangebots (vgl.: S. 8). Neben der Bestimmung der Text(sorten)welt als durch Textkommunikation geschaffene soziale Wirklichkeit wird auch der Begriff der Textsorte spezifisch gefasst. Die AutorInnen nehmen Textsorten als kommunikative Gattungen wahr (vgl.: S. 319) und beschreiben sie als „Kristallisationen, die sich bei der Ausprägung der textuellen Grundfunktionen von pragmatischer Nützlichkeit [...] zu Texthandlungen [...] ergeben“ (S. 320, Hervorhebung im Original). Das Konzept der Lesbarkeit, das neben dem der Kommunikation zum Drehund Angelpunkt dieses Neuansatzes wird, dient der Überwindung zweier Probleme der Textlinguistik: Einerseits der Trennung von textinternen und -externen Merkmalen (vgl.: S. VIII) und andererseits der Auflösung der Kritik an Textualitätskriterien (vgl.: S. 1 f.). Statt bisherige Kriterien zu rehabilitieren, sollen neue Kriterien der Beschreibung von Texten entwickelt werden, anhand derer Textkommunikation beschreibbar gemacht wird. Im einleitenden Kapitel wird auf den Stand der Textualitätsforschung als Randbereich der Textlinguistik eingegangen und die Produktivität eines textsortenerschließenden Zuganges über den Aspekt der Textualität hervorgehoben. Das zweite Kapitel dient dazu, die Konzepte 'Lesbarkeit' und 'Kommunikation' theoretisch-reflektierend einzuführen. Die Engführung von Kommunikation als Textkommunikation sowie die Wahrnehmung des Vollzugs von Kommunikation durch das Lesen sind verbindende Momente. In den nächsten drei Kapiteln wird der Begriff 'Lesbarkeit' differenziert. Dabei unterscheiden die AutorInnen zwischen Lesbarkeitshinweisen, -quellen und -merkmalen. Lesbarkeitshinweise dienen der Wahrscheinlichkeit textueller Kommunikation (vgl.: S. 45). Sie determinieren nicht die Lektüre eines Textes, erklären aber, „dass und wie durch Texte und mit Texten bestimmte Lesarten und -weisen möglich und hochgradig wahrscheinlich gemacht werden“ (S. 58). Ihr Bezug zu den anderen Aspekten ergibt sich daraus, dass sie sich aus den Lesbarkeitsquellen speisen und systematisch auf die Lesbarkeitsmerkmale beziehen müssen (vgl.: S. 64). In dieser Hinsicht stellen sie den grundlegenden textuellen Möglichkeitsrahmen der Textkommunikation dar (vgl. z. B.: S. 99). Nahe an der Systemtheorie gedacht werden folgende Begriffspaare als Lesbarkeitsquellen bestimmt: a) Sprache und Schrift, b) Wahrnehmbarkeit im Rahmen der Lektüresituation und c) Vertrautheit aufgrund des jeweiligen Lektürekontextes (vgl.: S. 69–72). Zuletzt werden „sechs gleichrangige Lesbarkeitsmerkmale“ (S. 107, Hervorhebung im Original) angeführt als „Vorschlag zur Neuausrichtung der Textualitätskriterien“ (S. 107): a) Begrenzbarkeit, b) Verknüpfbarkeit, c) thematische Zusammengehörigkeit, d) pragmatische Nützlichkeit, e) Intertextualität, f) Musterhaftigkeit. Durch die Differenzierung zwi      140 MOUTON Rezension schen Lesbarkeitsquellen und -merkmalen soll die Trennung von textexternen und -internen Merkmalen überwunden, aber der Versuch der Differenzierung hinsichtlich textueller Eigenschaften und Einflussverhältnissen beibehalten werden. Anschließend werden in sechs Kapiteln die Merkmale nacheinander vorgestellt. Der Aufbau ist stets gleich: Das Merkmal wird mit Bezug auf das Konzept der Lesbarkeit und das der Kommunikation eingeführt. Insbesondere wird darauf orientiert, inwiefern das Merkmal dazu dient, Unwahrscheinlichkeiten der Kommunikation zu überwinden. Daran schließt sich eine Reflexion der textlinguistischen Wahrnehmung des Merkmales an, wobei auch der Bezug zu Textualitätskriterien reflektiert wird. Anhand einer Beispielanalyse wird das Merkmal empirisch vorgestellt. Alle Merkmale stehen dabei in einem interdependenten Verhältnis zueinander (vgl. z. B.: S. 161 oder 191), aufgrund der Beschreibungen erscheint das Merkmal der Musterhaftigkeit aber als synthetisierend (vgl.: S. 336– 364). Übernahmen der Systemtheorie durch andere Wissenschaftszweige sind nicht neu, doch besteht oft die Gefahr, „dass die Theorie eher als eine Art 'Steinbruch' genutzt wird“ (Schmidt 2000: 21 f.). Die AutorInnen rekurrieren zu Recht auf die Luhmannsche Beschreibung von Lesen als Vollzug schriftsprachlicher Kommunikation, ebenso wie auf die Dreiteilung von Kommunikation. Der letzte Schritt, Verstehen, wird mit dem Lesen in Beziehung gebracht und der kommunikative Prozess als abgeschlossen verstanden. Problematisch ist, dass der systemtheoretische Kommunikationsbegriff aber zirkulär angelegt ist. Somit ist nicht ein Ende für die Kommunikation konstitutiv – also das Verstehen – sondern „dass es weitergeht“ (Berghaus 2011: 99, Hervorhebung im Original). Den AutorInnen ist zuzustimmen, dass „sich die Wirklichkeit der Funktionssysteme der Gesellschaft durch und mit Textkommunikation [vollzieht]“ (S. 38), aber sie muss sich beständig vollziehen. In dieser Hinsicht spricht schon Luhmann von der Anschlusskommunikation als vierter Selektion. „Man muß beim Adressaten der Kommunikation das Verstehen ihres Selektionssinnes unterscheiden vom Annehmen bzw. Ablehnen der Selektion als Prämisse des eigenen Verhaltens“ (Luhmann 1984: 203). Dieser Aspekt lässt schriftliche Kommunikation (Textkommunikation) so unwahrscheinlich werden, da ohne Anwesenheit Anschlusskommunikation wesentlich weniger wahrscheinlich ist. Genau an dieser Stelle setzen nun Texte bzw. Textsorten an, die – im systemtheoretischen Sinne – strukturfunktional an der Autopoiesis der Funktionssysteme beteiligt sein müssen. Das bedeutet, dass Textkommunikation Anschlusskommunikation antizipieren muss, damit weitere Kommunikationen entstehen und so die Stabilität des Systems garantiert ist. Und das bedeutet, dass auch die Frage zu stellen ist, welche Position Texte bzw. Textsorten in diesem kommunikativen Prozess einnehmen. Gerade die Bei    MOUTON Rezension 141 spielanalyse der Tweets wären ein interessanter Ausgangspunkt gewesen und Anschlusskommunikation lässt sich auch zu dem Lesbarkeitsmerkmal 'Verknüpfbarkeit' in Beziehung setzen. Doch wird diese Perspektive nicht systematisch weiter verfolgt. Auch versäumen es die AutorInnen, weitere Arbeiten der systemtheoretisch fundierten Textsortenlinguistik aufzuarbeiten. Zwar wird (vgl.: S. 51, FN) auf die Arbeiten Christina Gansels verwiesen, ohne aber ihre Paradigmen umfassend einzuarbeiten, was sich insbesondere bei der Konzeptualisierung von Textsorten zeigt. Es ist aus Theoriedesign wie -anspruch heraus unerlässlich zu fragen, wie Textsorten zu konzeptualisieren sind. Kommunikationen bestehen bzw. sind Operationen. Sind Texte bzw. Textsortenexemplare Operationen? Diese sind aber durch ihre Flüchtigkeit und fehlende Zielgerichtetheit (vgl.: Krause 2005: 105) gekennzeichnet. Dies würde sich mit den getroffenen Festlegungen nicht vereinbaren lassen, die Textkommunikation auf schriftsprachliche, textuell-feste Kommunikationen beziehen (vgl.: S. 8), denen Intentionalität unterstellt werden kann (vgl.: S. 124). Interessant wäre eine weitere Auseinandersetzung gewesen und eine entsprechende Kategorisierung von Textsorten z. B. als Programme oder Strukturen. Überhaupt unterbleibt eine systematische Aufarbeitung der Systemfunktionalität von Textsorten. In dieser Hinsicht wird eine Erweiterung des Ansatzes um die entsprechenden Festlegungen der Anschlusskommunikation als Teil des Kommunikationsbegriffes sowie von Textsorten als systemtheoretische Phänomene vorgeschlagen, wobei bei letzterem der Ansatz produktiv gemacht werden soll, Textsorten als systemische Form-Medium-Phänomene wahrzunehmen: Sie sind Endprodukt des in wiederholbare Formen gebrachten Mediums Sprache (vgl.: Krause 2005: 193 und Luhmann 1984: 220). Abseits dieser kritischen Reflexionen stellt Textkommunikation einen anspruchsvollen, anregenden Neuansatz zur Wahrnehmung des phänomenologischen Status von Texten bzw. Textsorten dar. Das Buch ist sowohl inhaltlich als auch sprachlich auf hohem Niveau angesiedelt und gibt vielfache exzellente Hinweise für die Beschreibung sowie Kategorisierung seines Gegenstandes. Insbesondere die Beispielanalysen sind positiv hervorzuheben. Die Struktur des Buches ist klar und logisch aufgebaut, der Stil konzise und treffend gewählt. Es bleibt zu hoffen, dass das Werk vielfache Diskussionen anregt und in dieser Hinsicht sei zur Lektüre explizit aufgerufen.   Literatur Adamzik, Kirsten. 2007. Die Zukunft der Text(sorten)linguistik. Textsortennetze, Textsortenfelder, Textsorten im Verbund. In: Ulla Fix, Stephan Habscheid & Josef Klein (Hrsg.), Zur Kulturspezifik von Textsorten, 15–30. Tübingen: Stauffenburg Verlag. 142 Rezension MOUTON Berghaus, Margot. 2011. Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie. Köln: UTB-Verlag. Luhmann, Niklas. 1984. Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. Schmidt, Johannes F. K.. 2000. Die Differenz der Beobachtung. In: Henk de Berg & Johannes Schmidt (Hrsg.), Rezeption und Reflexion. Zur Resonanz der Systemtheorie Niklas Luhmanns außerhalb der Soziologie, 8–37. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.