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Bitte verwenden Sie diesen Link, wenn Sie dieses Dokument zitieren oder verlinken wollen: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:9-002286-2

Taking genes seriously - An interest-based approach to environmental ethics and biodiversity conservation

  • Many ethicists consider the rule of nonmaleficence – Do no harm! – to be the most fundamental ethical rule and key to ethics. This rule is taken as the foundation of the present work. I argue that any entity, that can be harmed, ought to be morally considered. Only those entities can be harmed that are inherently goal-directed or striving – in other words, that possess a telos. The reason is that by constantly acting in ways to preserve their being and to prevent their own not-being, goal-directed entities express that they value their own good. To harm such a goal-directed entity therefore means to act against the values and the good of it. The argument so far supports ethical biocentrism, that is, the view that all living, goal-directed beings are harmable, possess interests, and are, thus, morally considerable, while non-living beings are not. Yet, I digress from classical biocentrism since I conclude, based on analysis of evolutionary and biological findings, that the locus of goal-directedness and potential harm is also, if not foremost, situated in genes. Within many species, individual organisms sacrifice themselves for the betterment of their descendants like in praying mantises where males sacrifice themselves and are eaten by the female during copulation. This shows that it is not necessarily the organism as an individual which follows its own interests and goals. Individual organisms are – to a high degree – “directed” by their genes. Even in highly developed animals, genes play a significant role in the goal-directedness of the individuals. An adult human organism, for example, consists of trillions of individual cells. However, all these cells are derived from a single cell – the fertilized egg. Each of our lives begins with a single cell that contains almost all information to finally form our functioning body. Where do all the instructions, the goal-directedness come from to finally form an adult organism if not from the genes contained in this first cell, the zygote? It is the genes of each zygote that contain a set of information for making the appropriate adult. Organisms are largely programmed to do everything necessary to stay in existence, to survive, and finally to pass on their genes successfully – either by reproducing or by helping close relatives that carry a similar set of genes. The main interests of genes lie in their continued existence. This necessitates reproduction since the gene-carrying organisms will inevitably die. Single genes, though, are difficult to morally consider directly since they perform entirely in and through individual organisms. Without the individual organisms, genes cannot survive. The good news for ethics is that the interests of genes and organism usually converge: individual organisms try to survive – as do their genes. In practice, it thus makes much more sense to give moral attention to entire organisms instead of single genes. An advantage of the gene-centric ethical theory proposed here is that the moral relevance of future generations and species can be “directly” justified: Since genes have an interest in their continued existence (in the form of identical copies), they would be harmed if future generations were doomed to inexistence. Within a species with many individuals, each gene is likely to be represented in many organisms. The smaller the gene pool of a species gets, the less likely is the existence of the same gene and, therefore, the less likely is the fulfillment of its fundamental interests. Hence, saving one of the last individuals of an endangered species would be ethically preferable to saving an individual of a populous species. Unfortunately, moral conflicts are abundant – not only concerning biodiversity conservation. We often have to choose between harming either entity A or entity B – for example in the daily questions of food and eating. In such cases, a strictly egalitarian theory (especially an egalitarian biocentric one) would be no real help and without any guiding power. Therefore, on a second level of morality, we have to include additional criteria that help to minimize the overall harm. For these criteria to be objective, universalizable, and thus moral ones, I apply a number of widely accepted ethical principles like the principle of proportionality, impartiality, self-defense, and universalizability. By recurring to these principles, I identify a set of morally relevant criteria for a fair resolution of moral conflict situations which help to minimize the overall harm done. The identified criteria are: (phylogenetic) nearness, endangerment, r- or K-selected species, evolutionary distinctiveness, ability to regrow and to regenerate, pain-susceptibility, and ecosystematic role. In sum, my gene-centric environmental ethical theory provides numerous reasons and arguments for biodiversity conservation – for protecting genes, organisms, species, and ecosystems alike – without neglecting the needs of humans.
  • Viele Ethiker betrachten die Regel des Nichtschädigens als die grundlegendste ethische Regel überhaupt. Dieser Sichtweise schließe ich mich in der vorliegenden Arbeit an. Ich argumentiere, dass solche Entitäten geschädigt werden können, die inhärent zielgerichtet sind – die ein Telos besitzen. Der Grund dafür liegt darin, dass alle inhärent zielgerichteten Entitäten ihr Sein verteidigen und versuchen, ihr Nicht-Sein zu verhindern. Dadurch bringen sie zum Ausdruck, dass sie ihr eigenes Gut oder Wohl wertschätzen. Sie sind folglich moralisch zu berücksichtigen. Bis hierhin folge ich dem klassischen Biozentrismus. Ich weiche von ihm dahingehend ab, als dass ich aufgrund evolutionärer und biologischer Erkenntnisse zu dem Urteil gelange, dass auch Gene inhärent zielgerichtet sind und geschädigt werden können. Innerhalb etlicher Arten opfern sich Organismen zum Wohle ihrer Nachkommen auf wie beispielsweise männliche Gottesanbeterinnen, die sich während der Kopulation vom Weibchen auffressen lassen. Es ist insofern nicht zwangsläufig der Organismus, der seinen eigenen Interessen und Zielen als Individuum folgt. Organismen werden vielmehr zu einem beträchtlichen Teil durch die Ziele der Gene „geleitet“. Selbst in der Zielgerichtetheit hoch entwickelter Tiere spielen Gene eine signifikante Rolle: Ein erwachsener Mensch besteht aus Billionen einzelner Zellen; aber all diese Zellen sind aus einer einzigen Zelle entstanden – der befruchteten Eizelle. Jedes Lebewesen beginnt sowohl als einzelne Zelle als auch in einer einzelnen Zelle. Diese erste, einzelne Zelle beinhaltet bereits all die Informationen, derer es bedarf, um einen funktionierenden Organismus zu erschaffen. Woher stammen denn all die Instruktionen und die Zielgerichtetheit erwachsener Organismen, wenn nicht aus den Genen der Zygote? Es sind im Wesentlichen die Gene jener Zygote, die die Informationen dafür enthalten, einen geeigneten Erwachsenen zu erschaffen. Organismen sind zum Großteil so „programmiert“, dass sie alles Notwendige tun, um zu überleben und ihre Gene erfolgreich weiterzugeben – sei es durch eigene Fortpflanzung oder durch die näherer Verwandter. Das Hauptinteresse der Gene liegt in ihrem dauerhaften Fortbestand. Dies macht eine Reproduktion unumgänglich, da die Gen-tragenden Organismen zwangsläufig sterben werden. Da Gene sowohl in als auch durch individuelle Organismen wirken, ist es schwer, einzelne Gene direkt moralisch zu berücksichtigen. Ohne die Organismen können Gene nicht eigenständig überleben. Üblicherweise konvergieren die Interessen der Gene und Organismen aber: sowohl individuelle Organismen versuchen zu überleben, als auch ihre Gene. Von daher ist es auf praktischer Ebene sinnvoll, ganze Organismen anstelle einzelner Gene moralisch zu berücksichtigen. Durch die Gen-Perspektive kann die moralische Relevanz von zukünftigen Generationen und Arten plausibilisiert werden: Da Gene ein Interesse an ihrer fortdauernden Existenz (in Form identischer Kopien) haben, würden sie geschädigt werden, wenn zukünftige Generationen zur Nichtexistenz gebracht würden. Innerhalb einer individuenreichen Art ist es wahrscheinlich, dass jedes Gen in mehreren, nahe verwandten Wesen repräsentiert ist. Je kleiner jedoch der Genpool einer Art wird, desto unwahrscheinlich ist es, dass dasselbe Gen noch einmal existiert und dass die basalen Interessen des Genes anderweitig, in Form von identischen Kopien erfüllt werden. Von daher können mehr wesentliche Interessen berücksichtigt werden, wenn wir die letzten Organismen einer vom Aussterben bedrohten Art retten anstelle von Organismen einer individuenreichen Art. Unglücklicherweise leben wir in einer Welt mit unzähligen Konflikten – nicht nur in Hinblick auf den Biodiversitätsschutz. Oftmals müssen wir zwischen der Schädigung von Entität A oder B wählen, wie in Fragen unserer täglichen Ernährung. In solchen Fällen ist eine strikt egalitäre (insbesondere egalitär biozentrische) Theorie ohne anleitende Kraft. Dies erfordert, auf einer zweiten Ebene der Moral zusätzliche Kriterien einzuführen, um den Gesamtschaden zu minimieren. Damit diese Kriterien moralisch sind, wende ich ethische Prinzipien wie das Prinzip der Verhältnismäßigkeit, der Unparteilichkeit, der Selbstverteidigung und der Universalisierbarkeit an. Durch die Anwendung dieser weitgehend unstrittigen Prinzipien ist es möglich, die moralisch relevanten Kriterien für eine gerechte Auflösung von Konfliktsituationen zu identifizieren, um den Gesamtschaden zu minimieren. Ich habe dabei folgende Kriterien ausgemacht: (phylogenetische) Nähe, Gefährdung einer Art, r- oder K-selektierte Art, evolutionäre Besonderheit, Fähigkeit nachzuwachsen, Schmerzempfindsamkeit und ökosystemare Rolle. Die hier vorgestellte „gen-zentrierte“ Umweltethiktheorie bietet eine Vielzahl an Argumenten für den Schutz der Biodiversität, d.h., für den Schutz von Genen, Organismen, Arten und Ökosystemen gleichermaßen, ohne dabei die Bedürfnisse des Menschen zu negieren.

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Metadaten
Author: Jan Dierks
URN:urn:nbn:de:gbv:9-002286-2
Title Additional (German):Gene ernst nehmen - Ein interessenbasierter Ansatz zur Umweltethik und zum Biodiversitätsschutz
Advisor:Prof. Dr. Konrad Ott
Document Type:Doctoral Thesis
Language:English
Date of Publication (online):2015/07/15
Granting Institution:Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät (bis 31.05.2018)
Date of final exam:2015/03/27
Release Date:2015/07/15
Tag:Biozentrismus, Genethik, Genzentrismus, Interesse, Nicht-Schädigung
biocentrism, biodiversity, conservation, environmental ethics, gene
GND Keyword:Artenschutz, Biodiversität, Biologische Vielfalt, Eigenwert, Ethik, Evolution, Gen, Naturschutz, Umweltethik, telos, Ökologische Ethik
Faculties:Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät / Institut für Botanik und Landschaftsökologie & Botanischer Garten
DDC class:500 Naturwissenschaften und Mathematik / 570 Biowissenschaften; Biologie