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Möglichkeiten und Grenzen epidemiologischer Analysen zu Langzeitfolgen der Holzschutzmittelexposition in Wohnräumen anhand der Akten des Frankfurter Holzschutzmittelprozesses 1984-1993

  • Mit der vorliegenden epidemiologischen Untersuchung anhand der Akten aus dem Ermittlungsverfahren zum „Holzschutzmittel-Prozess“ wurde versucht, einen systematischen Zusammenhang zwischen der niedrigschwelligen chronischen Holzschutzmittel (HSM)-Exposition in Innenräumen und dem Auftreten von ausgewählten subjektiven Beschwerden, Symptomen und Erkrankungen wissenschaftlich nachzuweisen. Die umfassenden, alters- und geschlechtsbezogenen Analysen einer Prozesskohorte bestehend aus 179 Haushalten mit insgesamt 602 Personen lassen Beziehungen zwischen einer Exposition gegenüber den gesundheitsgefährdenden Stoffen PCP und Lindan in HSM und gesundheitlichen Beeinträchtigungen erkennen, erfordern aber gleichzeitig eine Diskussion möglicher Limitationen. Die im Hauptstaatsarchiv des Landes Hessen gelagerten Prozessakten mit (1) den Selbstausfüller-Fragebögen und (2) einer systematischen Erhebung sämtlicher Laborwerte (Konzentrationen von PCP und Lindan in Blut- und Urinproben sowie in Holz-, Raumluft- und Staubproben aus den betroffenen Haushalten) bildeten die Datengrundlage. Allerdings limitierten das Design und die Verwendung von zwei unterschiedlichen Selbstausfüller-Fragebögen im Verlauf der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen die durchgeführten Analysen. Pro Person wurden bis zu 62 Gesundheitsbeschwerden und Krankheitssymptome genannt, die im zeitlichen Zusammenhang mit HSM-Anwendungen bei den Mitgliedern der betroffenen Haushalte aufgetreten waren. Die fünf häufigsten Beschwerdenennungen unterscheiden sich bei Männern und Frauen nur in der Rangfolge und entstammen mehrheitlich – mit Ausnahme der Infektanfälligkeit und Schlafstörung – dem neurologischen Bereich: Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und Mattigkeit. Für Kinder (< 14 Jahre) innerhalb der Kohorte wurden zahlenmäßig weniger Gesundheitsbeschwerden berichtet als für Jugendliche/Erwachsene (≥ 14 Jahre). Die Beschwerdenennungen unterscheiden sich außerdem deutlich im Spektrum. Bei Kindern sind die internistischen/immunologischen Beschwerden z.B. Infektanfälligkeit und Durchfall am häufigsten. Zwischen der Gesamtanzahl der Beschwerden pro Person und der verstrichenen HSM-Menge bzw. Größe der behandelten Fläche wurden numerisch geringe, jedoch statistisch signifikante positive Korrelationen ermittelt. Diese Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang wurden sowohl für die gesamte Kohorte als auch für die Untergruppe der Selbstanwender beobachtet. In Bezug auf einzelne Beschwerden wiesen logistische Regressionsanalysen bei Männern einen signifikanten Zusammenhang zwischen der HSM-Menge bzw. dem Verhältnis HSM-Menge/Anstrichfläche und dem Auftreten von Bindehautentzündungen, Haarausfall oder Konzentrationsstörungen nach. In der Gruppe der Frauen zeigten sich positive Assoziationen zum Auftreten von Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. Trotz der erhöhten HSM-Exposition der Betroffenen wiesen Mortalitätsanalysen für die untersuchte Kohorte eine deutlich und statistisch signifikant erniedrigte standardisierte Mortalitätsratio [SMR 0,51 (95 %-KI: 0,39-0,67)] auf. Diese Ergebnisse konnten durch Cox Regressionsmodelle bestätigt werden. Anhand der Altersverteilung, der Angaben zur Lebensweise und der berichteten Berufe lässt sich abschätzen, dass die betroffenen Personen nicht als repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung angesehen werden können. So umfasst die Kohorte vergleichsweise weniger Raucher und Übergewichtige. Auch ist ein geringerer Alkoholkonsum zu verzeichnen. Zusammen mit dem Fakt, dass die Kohorte hauptsächlich aus Personen der mittleren bzw. höheren sozialen Schicht besteht, könnte der beobachtete gesündere Lebensstil eine Ursache für die niedrigere Mortalitätsrate darstellen. Eine hohe Selbstselektierung der Kohortenmitglieder, die sich aufgrund eigener Initiative als Zeugen gemeldet hatten, schließt eine unkritische Verallgemeinerung der erzielten Studienergebnisse auf die Allgemeinbevölkerung aus. Die Analyse der Prozessakten, der Verfahrensweisen bei der Datenerhebung durch die Staatsanwaltschaft, der Dokumentation und des Datenbestandes im Kontext des HSM-Prozesses ermöglichen es jedoch, Limitationen aufzuzeigen und methodische Schwierigkeiten bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der HSM-Problematik zu identifizieren. Hieraus können Empfehlungen für ein zukünftiges Vorgehen bei der Untersuchung ähnlicher toxikologischer Risiken abgeleitet werden.
  • The presented epidemiological study is based on data of the wood preservatives trial and had the approach to examine the relationship between a low-level chronic indoor exposure to wood preservatives and the reports of selected subjective complaints and diseases. The comprehensive, age and sex-based analyses of the process cohort that comprise 179 households with a total of 602 people suggested associations between the exposure to the harmful substances pentachlorophenol (PCP) and lindane in wood preservatives and health problems. However, the investigations have limits, which should be considered by the interpretation of the findings. The used records of the case, which are stored at the Central State Archive of the State of Hesse, included comprehensive data based on (1) self-administered questionnaires and (2) a systematic survey of all laboratory values (concentrations of PCP and lindane in blood and urine samples, as well as in wood, indoor air, and dust samples from the affected households). The design of two different self-administered questionnaires used during the official investigation by the department of public prosecution limited the data quality and, thus, also the performed analyses. Up to 62 health issues and symptoms, temporarily related to the use of wood preservative, were reported per single person of the affected households. Among men and women, the five most common complaints differs only in the ranking and are mainly assigned - with the exception of susceptibility to infection and sleep disorder – to the field of neurology: headache, concentration problems and faintness. Within the cohort, children (< 14 years old) reported fewer health issues as teenagers/adults (≥ 14 years) and these include a different spectrum with mainly internal medicine/immunological complaints, e.g. susceptibility to infections or diarrhea. The investigations suggest a weak but significant correlation between used quantity of wood preservatives or size of painted area and the total number of health issues per person. Indications of possible associations were observed both for the whole cohort and among different subgroups. Logistic regression analyses of certain health issues demonstrated a significant association between the quantity of wood preservatives or the ratio of this quantity vs. painted surface and the occurrence of conjunctivitis, baldness or concentration problems among men. In contrast, positive associations with the occurrence of headaches or sleep disorders become apparent for the subgroup of women. Despite higher exposures to wood preservatives of the investigated subjects, mortality analyses showed a significantly lower standardized mortality ratio [SMR 0.51 (95% CI: 0.39 to 0.67]. These results were confirmed by Cox regression models. Based on the age distribution, information regarding the lifestyle and the reported professions, it can be assumed that the study cohort is not representative for the general population. This is supported by the fact that the cohort comprises a lower proportion of smokers as well as overweight peoples. Furthermore, a lower alcohol consumption were reported. Together with the fact that the cohort is mainly composed of middle or higher social class people, the observed healthier lifestyle could be a reason for the detected lower mortality rate. A high self-selection of cohort members, who had reported on their own initiative as witnesses, excludes an uncritical generalisation of the study results. However, the analyses of the records of the case and the procedures of data collection by the prosecution, the documentation and the data set in the context of the wood preservatives trial make it possible to identify limitations and methodological difficulties in scientific analysis of wood preservatives related research questions. Hence recommendations can be derived for future investigations of similar toxicological risks.

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Metadaten
Author: Anne Obst
URN:urn:nbn:de:gbv:9-002375-8
Title Additional (English):Possibilities and limitations of epidemiological investigations on long-term effects of wood preservatives exposures in residential properties based on documents of the Frankfurt wood preservative trial 1984-1993
Advisor:Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann
Document Type:Doctoral Thesis
Language:German
Date of Publication (online):2015/12/11
Granting Institution:Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Universitätsmedizin (bis 31.05.2018)
Date of final exam:2015/06/22
Release Date:2015/12/11
GND Keyword:Holzschutzmittel, Lindan, Pentachlorphenol
Faculties:Universitätsmedizin / Institut für Community Medicine
DDC class:600 Technik, Medizin, angewandte Wissenschaften / 610 Medizin und Gesundheit